Kopftuch

Seit 13 Jahren ist mein Leben ohne das Kopftuch sehr angenehm, sicherer und gleichberechtigter als mit meinem Kopftuch. Denn es legte meine Identität fest, uniformierte meine Wahrnehmung von Lebenswelten und zog klare Grenzen zwischen der 1400 jährigen Vergangenheit, der ich mich untergeordnet hatte und meiner modernen Außenwelt des 21. Jahrhunderts.

Das ist nicht verwerflich oder bedrohlich. Eine Frau, die sich freiwillig entscheidet, einer Tradition treu zu sein ist genauso zu respektieren wie eine Frau, die sich für die moderne Gegenwart entscheidet.

Verwerflich und bedrohlich ist es jedoch, wenn Frauen gezwungen werden und Frauen sich zwingen lassen, gegen ihren Willen zu handeln und zu leben.

Islam

Für mich steht im Mittelpunkt die persönliche Beziehung zu Gott, ein Annäherungsprozess, der Selbsterkenntnisprozess, eine Liebesbeziehung, aus der ich als Mensch gestärkt gehe, um mein Leben zu bewältigen und mit Bewusstsein zu leben. Islam ist die Bereitschaft und der Beginn eines lebenslangen Entwicklungsprozesses in Gemeinschaft mit Gott und seiner gesamten Schöpfung.

Koran

Gottes Worte, ohne dabei Gott zum Autoren zu ernennen.

Ein Prozess von 23 Jahren.

Die Sendung an einen Auserkorenen in der arabischen Wüste.

Das geschnürte Paket mit Gottes „99 Namen“.

Ein wohlklingendes Gebetsbuch.

Integration

Verschiedene Weltsichten und Kulturen sind dazu da, um sich näher zu kommen.

Jeder hat etwas, was er dem anderen für seine Bereicherung und Freude anbieten kann. In einem Kreis von jungen Leuten fragte ich neulich in die Runde: was könnten wir uns gegenseitig anbieten? Ich würde euch sofort die „Tahara“ ans Herz legen, die Hygiene auf dem Klo, die neuerdings als Po-Dusche in deutschen Haushalten Einzug hält. Und ihr? Eine der Teilnehmerinnen antwortete: Tanzen.

Emanzipation

Emanzipation ist ein natürlicher Veränderungsprozess, der nach Individualität, Selbsterkenntnis und Verbesserungen im eigenen Leben strebt. Die Realisierung dieses Prozesses setzt gesellschaftliche Rahmenbedingungen voraus, in der jeder Mensch als ein gleichwertiger und lernfähiger Bürger angesehen und behandelt wird.

Ich hätte meinen Veränderungsprozess niemals in einem Land wie Iran oder Saudi-Arabien mit ihren theokratischen Systemen leben können, die männliche Kontrolle über den weiblichen Willen im Namen von Religion sichern.

Als Gläubige, die nicht mehr nur glauben, sondern verstehen wollte, nahm ich mir vor 13 Jahren mit Ablegen meines Kopftuches allmählich auch die Freiheit, Neudefinitionen von meinen Rollen im religiösen Kollektiv und den religiösen Begriffen, die mein Leben geprägt haben vorzunehmen.

Warum noch viele anderen muslimischen Frauen unsere gesellschaftlichen Möglichkeiten für ihre Selbsterkenntnisprozesse nicht nutzen finde ich merkwürdig. Denn der Prophet des Islam, Muhammed, forderte Männer und Frauen auf, „sich Wissen anzueignen, selbst wenn es in China sei“.

Wir Frauen müssen lernen, uns zu wehren und nicht mehr alles als Selbstverständlichkeit hinzunehmen. Das Kopftuch ist in modernen Gesellschaften keine Selbstverständlichkeit und überflüssig. Sie schützt nicht, sie bringt Frauen sogar in Gefahr, weil andere Menschen vom Kopftuch auf den Islam schließen und ihre Vorurteile und Ängste auf das Kopftuch projizieren können.
Alles, was eine Frau einschränkt und sogar in Gefahr bringt, sollte sie aber ohne Schwierigkeiten weglassen können.

Im Koran heißt es in einem der beiden „Verhüllungsverse“, dass die gläubigen Frauen ihre Gewänder über sich ziehen sollen, damit sie erkannt und nicht belästigt werden. Hier geht es um die Vermeidung von Belästigungen, nicht um den Überwurf.
Heute wird aber das Mittel hochgehalten, nicht der Zweck.