Stationen meines Lebens

Emel Zeynelabidin, Autorin

Vor einigen Jahren stellte einer meiner Söhne fest: Mama, du bist keine Muslimin mehr, du glaubst doch nur noch an Gott!
Heute will ich individuell glauben und denken, meine eigenen Vorstellungen und Meinungen bilden, aber auch eine eigene Beziehung zu meinem Gott entwickeln und behalten.

Ich werden, ich sein und ich bleiben sind die entscheidenden Voraussetzungen für die Fähigkeit, Verantwortung für sich und andere zu tragen.

In Istanbul geboren, lebe ich seit 1961 in Deutschland. Aufgewachsen als Erstgeborene eines irakischen Chirurgen und einer türkischen Mutter habe ich in der niedersächsischen Kleinstadt Lehrte den Kindergarten und bis zur 5. Klasse die Schule besucht. Als mein Vater dann Anfang der Siebziger Jahre in Nordrhein-Westfalen als Gefäßchirurg eine neue Arbeit in der Aggertal-Klinik aufnahm, zogen wir das erste Mal in ein anderes Bundesland um. Meine Jugendzeit verbrachte ich in einer Kleinstadt namens Hückeswagen in der Nähe von Gummersbach.

1980 machte ich am Katholischen Mädchengymnasium St. Angela in Wipperfürth mein Abitur und sollte danach Anglistik studieren. Bevor ich jedoch Studentin wurde, sollte ich mich von der gut behüteten Tochter zur gut behüteten Ehefrau verwandeln.
Meine Eheschließung führte mich nach Berlin. Noch während meines Studiums engagierte ich mich ehrenamtlich in der islamischen Gemeindearbeit, wurde 1987 Mitbegründerin des 1.islamischen Kindergartens und zwei Jahre später der 1. islamischen Privatschule in Deutschland.

Ich führte ein sicheres und bequemes Leben. Mein Kopftuch, das ich außerhalb von Zuhause schon mit 12 Jahren zu tragen begann erschwerte keineswegs meinen Lebensweg. Denn ich teilte meine Lebensweise hauptsächlich mit meiner religiösen Gemeinde und hatte nur bei Notwendigkeit soziale Kontakte zur nichtmuslimischen „Außenwelt“.

Anfang 2005 legte ich nach 30 Jahren meine Verhüllung ab, trennte mich von meinem Status als Ehefrau und setze seitdem meinen Lebensweg eigenverantwortlich in der neuen „Außenwelt“ fort.
Anlass zu diesem Schritt war meine Auseinandersetzung mit der „Kopftuchdebatte“, die im Herbst 2003 durch die Klage der Lehrerin Fereshta Ludin wegen ihrem Kopftuch, das sie im Schuldienst weiterhin tragen wollte ausgelöst wurde.

Ohne dieses Merkmal der Zugehörigkeit zu der Gruppe der Muslime erlebe ich viele Dinge, die mir mit Aha-Erlebnissen eine andere Perspektiven auf das Leben eröffnen und mein „altes“ Leben in ein anderes Licht stellen. Dadurch überprüfe ich auch meinen erlernten Glauben und stelle einiges davon infrage.

Mit diesem Schritt habe ich begonnen, mich und mein Leben zu erweitern. Ich komme mit sehr viel mehr Menschen als sonst ins Gespräch, erfahre Vertrauen und Austausch, was meiner Freude am Leben und meiner Dankbarkeit für alle Geschenke Gottes erhöht.

Ohne meinen Schritt in die Außenwelt wären mir diese Erfahrungen jedoch unmöglich geblieben.
Würde ich heute in einem der theokratischen Länder leben, die sich als islamisch bezeichnen, wäre mein Schritt tödlich gewesen. Diese Erkenntnis beschäftigt mich sehr. Denn sie sind extrem frauenfeindlich, obwohl der Prophet des Islam, Muhammed, in seinem Einsatz für die Rechte der Frauen seiner Zeit  seinen Anhängern doch ein großes Vorbild ist.

Mir wird dabei aber auch bewusst, dass so viele Frauen diesen Schritt selbst hier in unserer Demokratie und Sicherheit erst gar nicht vornehmen. Dabei bieten die demokratischen Gesetzte unserer Gesellschaft einen sicheren Rahmen für eigene Entscheidungen, wenn es um das Vorankommen im Leben geht. Muslimische Frauen haben zum Beispiel seit 10 Jahren wegen der politischen Kopftuchdebatte die besten Rahmenbedingungen für eine kritische Auseinandersetzung, um über sich und ihren Glauben auch öffentlich zu reflektieren und sich dabei zu engagieren. Das ist DIE Chance, um zu eigenen Ergebnissen zu kommen!